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05
Juli

Es ist erstaunlich: Das im Privatbesitz befindliche Auto, noch dazu dasjenige mit Verbrennungsmotor, liegt am Boden. Seine Besitzer stehen mit dem Rücken zur Wand. Es ist - zumindest in Metropolen - unvernünftig, ein Auto zu besitzen. Es verursacht permanente, laufende Kosten, es verbreitet Emissionen, es raubt Platz, und und und. Und in den genannten Metropolen steht es eigentlich nur noch im Stau und nervt.

Und doch schlägt mein Herz jedesmal höher, wenn ich dieses unvernünftige, raumgreifende, schwer zu lenkende, aufgrund der Last der Jahre ächzende Automobil sehe. Diese Farbe! Diese Linien! Diese Geometrie! Diese Innenausstattung! Wenn dann dieses 43 Jahre alte Getüm nach kurzem Orgeln verlässlich startet, die Hydropneumatik Druck aufbaut und erst das Heck, dann die Front nach oben schwebt. Wenn man sich schwer am Lenkrad kurbelnd aus der Tiefgarage entfernt, sich langsam aus der Stadt herauskämpft, bis man erstmals auf der freien Landstraße ist und den herrlich lang übersetzten vierten Gang einlegen darf. Wenn das Gleiten über die Straßen beginnt, der Motor seidenweich und rund läuft, die müden elektrischen Fensterheber in Zeitlupe arbeiten und sommerliche Frischluft hereinlassen. Wenn man in nicht steigerbarer Eleganz durch die Kurven gleitet, aus purer Lebenslust die Zweiklangfanfare erklingen lässt - mit Blick auf den behäbig laufenden Lupentacho und den Drehzahlmesser, der VW-Käfer-like selten über 2.800 Touren geht, dann ist das eben leider doch: geil, geil, geil, geil, geil. Nebenan hat das Weib die Füße auf dem Handschuhfach und grinst zufrieden.

Ja, das ist in Zeiten der Götterdämmerung der Individualmotorisierung erschreckend unzeitgemäß und auf mindestens eine Art und Weise falsch. Es ist auf der anderen Seite aber auch der Abschiedsschmerz einer Epoche, die schon bereits meine Tochter gar nicht mehr betreten wird: keine Notwendigkeit für Führerschein, keine Notwendigkeit für Autos. Gut und richtig. Ja. Die heute um die 40- bis 50-jährigen werden die letzten sein, die dieses zweifelhafte Vergnügen noch haben. Man sollte es achtsam betreiben und vielleicht auch mal von der Seite sehen: Ein wenig gefahrenes Auto, das fast so alt ist wie man selbst, hat über seinen gesamten Lebenszyklus vermutlich eine nicht ganz so schlechte Karma- und Ökobilanz wie mehrere tagesaktuelle E-Fahrzeuge, deren Lithium-Ionen-Akkus nur deswegen existieren, weil in der Demokratischen Republik Kongo unter widerlichsten Bedingungen seltene Erden geschürft werden und die Lebensdauer einzelner Baugruppen ebenso wie deren Verschrottungsfootprint noch völlig unbekannt sind.

Man würde eben die letzten Reisen nach altem Muster unternehmen.

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