letzte Kommentare / Könnse den nicht mal vorbeischicken? Hier herrscht PROKRASTINATOR. Lakritze / LOL liuea


16
März

Das Jahr 2020 hatte noch weitere Überraschungen parat. Völlig unvorbereitet blickte man selbst, blickte das Land, blickte die Politik, blickte die Weltwirtschaft auf infektiöse organische Strukturen, die aufgrund ihrer Winzigkeit eben gar nicht zu erblicken waren. Da hatte also Covid-19 die Stirn besessen, die Weltherrschaft anzustreben und sich in einer Geschwindigkeit und Geschicklichkeit zu replizieren, die der Welt im Wortsinne den Atem raubte.

Die Kollateraleffekte waren beträchtlich. Erstmals nach dem 2. Weltkrieg waren Regale in Geschäften leergefegt, Arztpraxen und Krankenhäuser am Rande ihrer Leistungsfähigkeit (oder darüber hinweg), gewachsene Strukturen obsolet und der Generationenvertrag einmal mehr infrage gestellt.

Während sozialistische bzw. unter einer Diktatur stehende Völker der Situation nach einer kurzen Schrecksekunde einigermaßen konsequent und diszipliniert begegneten, ruderte ein zerfallenes Europa hilflos und uneins umher, lief sehenden Auges ins Verderben. Die Funktionäre in Politik und Gesundheitswesen zeigten sich als inkompetente Zauderer, frei von jedwedem visionären Denken und antizipatorischer Kraft.

Und die westlichen Völker in Deutschland, Italien und anderswo hatten es natürlich auch nicht anders verdient, denn sie ergaben sich niedersten Instinkten wie Geiz und Gier.

Es kam eine Welle der erzwungenen Entschleunigung über das Land. Der Reisewahnsinn, der Präsenzwahnsinn, der kapitalistische Vermehrungswahnsinn - alles wurde ausgebremst und ins Nirgendwo katapultiert. Ein Donald Trump, der nicht mal durch einen Impeachment-Prozess aufgehalten werden konnte, würde sehr wahrscheinlich über diesen kleinen unsichtbaren Virus stürzen. Entweder politisch oder höchstpersönlich - durch eine Infektion.

Man selbst lebte relativ unbeschadet das Leben weiter, für das man sich vor anderthalb Jahren entschieden hatte - weit genug weg von allen Großstädten, vor allem aber weit genug entfernt von einem ebenso unregierten wie unregierbaren Berlin. Man war jetzt so gut gestellt, dass selbst eine Ausgangssperre folgenlos für einen war. Man hatte einen Hof und einen geräumigen Garten, die Kühltruhe voll von bestem Biofleisch, die Speisekammer voller Lebensmittel, den Stall voller Hühner, die Hausbar prall gefüllt. Es würde einem nichts mangeln.

In den nächsten Wochen und Monaten würde sich die Welt gesellschaftlich wie geopolitisch neu sortieren, der Jahresbericht der Deutschen Rentenversicherung Bund würde in der folgenden Ausgabe völlig neu zu schreiben sein, alle Vorlage der letzten beiden Jahre würden ausgedient haben. Würde man jetzt alles erst mal sehen müssen.


 
 
05
Februar

Das Jahr 2019 endete anders als die bisherigen. Statt in der Victoria Bar eine gemächliche Jahresrückschau abzuhalten und zu verschriftlichen, bestieg ich kurz vor Silvester eine Boeing der Singapore Airlines und flog über Singapur nach Neuseeland.

In Christchurch nach 37 Stunden Reise - davon netto 25 Flugstunden - angekommen, war man etwas zermatt. Zum einen erschlug die Effizienz des neuseeländischen Flughafens: Als man aus der Immigration-Befragung raus war, wartete bereits das Gepäck am Gepäckband. Draußen gleißendhelles Licht, frühlingshafte Temperaturen und eine Sauberkeit, wie ich sie noch nie in einer Großstadt sah. Ankunft gegen 13 Uhr im Hotel, ein kleiner Imbiss im Straßencafe, danach ab in die Heia. Das Weibchen stellte sich noch einen Wecker für 23:30 Uhr, um das Silvesterfeuerwerk vom Hotelfenster aus zu betrachten, der Herr schlief kommod 15 Stunden durch und hatte am nächsten Vormittag seinen Jetlag mit weggeschlummert.

Man holte dann einen abgerockten Ford Focus mit 156.531 km auf der Uhr von Apex Car Rentals und machte sich auf den Roadtrip.

Christchurch - Otago-Halbinsel - Curio Bay - Manapouri - Wanaka - Pine Grove - Okarito - Punakaiki - Collingwood -
Havelock - Picton - Wellington - Rotorua - Warkworth - Mangonui - Auckland waren die Schlafstationen, dazwischen erledigte man Tagestouren, wanderte, fuhr Boot und Bus, schaute und staunte.

Noch nie war man so weit weg von allem gewesen. Arbeit, Behörden, Familie, Freunde, Feinde - das alles war, mit zwölf Stunden Zeitverschiebung - sprichwörtlich auf dem anderen Ende der Erde, unerreichbar. Gut so.

Keine Nacht schlief man weniger als 12 Stunden. Und die Augenringe verschwanden. Man blickte ins Licht, ins Dunkel, in den Schatten, in die Sterne. Sah unberührte Strände, noch nie gesehene Tiere und Pflanzen, undurchdringliche Wälder, schneebedeckte Bergspitzen und Gletscher, weite Ebene und hügelige Hobbit-Landschaften, Geysire und kochende Seen. Die Natur hatte hier das Sagen und man spazierte nur als Gast in ihr herum.

Deppen aus der alten Welt sprachen von Flugscham. Dabei schafft ein einziger Neuseeland-Aufenthalt mehr nachhaltiges Umweltgewissen als jede Fahrradtour. Doch diese Rechnung können sie ja alle nicht aufstellen.

18.600 Flugkilometer, 4.500 Autokilometer, 12.500 Euro verbraten. In allen Hinsichten Rekorde.

Ganz nebenbei hatte man festgestellt, dass es um die körperliche Fitness nicht zum allerbesten bestellt war. Steile Sandberge bergauf bei Gegenwind von Windstärke 7 und so hellem Sonnenlicht, dass nicht mal die Sonnenbrille reicht - man hatte das alles schon mal zügiger getan.

Aber so hatte man wieder Pläne und Ziele.

Es gab so viel zu sehen. Jeder Tag war wie ein Adventskalendertürchen.

Vier Wochen lang fahren, staunen, laufen, essen, trinken, schlafen - ein Leben ganz ohne Erwerbsarbeit, ohne Computer, zumeist auch ohne aktive SIM-Karte.

Auf Du und Du mit einem sehr großen Seelöwen. Auch mal eine Erfahrung.

Der Blutdruck normalisierte sich. Der Körper regenerierte sich.

Alles wurde leicht und schön.

Und man hatte zwei neue, sehr geile Bars kennengelernt.


 
 

Schon Anfang November war die Katze wieder da: Sie war einfach bei anderen Leuten mitgegangen und hatte ein paar Tage in der Nachbarschaft verbracht. Man muss sich daran gewöhnen, dass so ein Tier sein eigenes Leben führt. Es kommt und geht, wann es will. Inzwischen ist sie noch einmal für einige Tage ausgebüxt, dann aber doch wiedergekommen.


 
 
28
Oktober

Von einem Tag auf den anderen war die Katze weg. Das Schlimme an so etwas ist, dass man nicht weiß, was geschehen ist. Hier fahren zu wenige Autos vorbei, als dass man davon ausgehen kann, sie sei überfahren worden. Marder, Waschbären und Co., ja, die gibt es. Aber man hätte erwartet, dass die Katze flink und widerstandsfähig genug ist, ihnen zu entkommen oder gar nicht erst in ihre Fänge zu geraten. Dass hier jemand herumläuft und Katzen klaut, ist auch unwahrscheinlich. Natürlich kann sie theoretisch durch irgendein Souterrain- oder Kellerfenster irgendwo hineinfallen, wo sie von selbst nicht wieder herauskommt. Aber ausführliche und weiträumige Ortsbegehungen und Befragungen sämtlicher Nachbarn waren erfolglos.

Dass sie weg ist, schmerzt. Ihre ulkige Art, einen manchmal vor Freude im 45-Grad-Winkel schräg anzuspringen und sich am Unterschenkel festzukrallen, ihr ausführliches Schnurren, ihr streichelfreudiger, kugelrunder Kopf mit diesen klaren Augen, das fehlt. Aber auch die Strukturierung des Tages, bestehend aus dreimal täglich füttern und im Hof besuchen, geht verlustig.

Ob sie wiederkommt? Täglich reduziert sich die Hoffnung.


 
 
02
Oktober

They got a ranch they call Number fifty-one
They got a ranch they call Number fifty-one
You can't see it all, unless you're flying by.


 
 

Faster than the speed of sound
Faster than we thought we'd go
Beneath the sound of hope


 
 

Die sagenhaft breitbeinige Musik von Oasis.


 
 
24
September

Von Magdeburg über Eickendorf, Bernburg, Gröna, Plötzkau, Großwirschleben, Alsleben, Mukrena, Zweihausen, Trebnitz, Rothenburg, Dobis, Wettin, Mücheln, Döblitz, Brachwitz, Lettin und Kröllwitz nach Halle.

Immer - oder zumeist - an der Saale entlang. Knapp 200 Kilometer in zwei Tagen. Es war nötig geworden, der Sommer verkrümelte sich so langsam und der Fahrradpopo und die Waden waren unruhig.

Der Gedanke an eine bevorstehende Radtour elektrisiert. Nur das Allernötigste in die Tasche gepackt, Ersatzwäsche, Zahnbürste und etwas Proviant und dann Hui!

Die ersten Kilometer ist man noch richtig nervös. Es ist kühl, der Tag findet zu sich selbst, der Körper justiert sich noch, die Routentreue des Fahrens muss regelmäßig verifiziert werden. Irgendwann ist man drin und fährt und fährt. Die Muskeln werden wach, die Waden stramm, Ein- und Ausatmen werden zu Basso Continuo und cantus firmus, man verschmilzt mit dem Rad.

Halle empfing dann mit eher gemäßigter Kulinarik, erheblichem Muskelkater und John-Wayne-Gang. War aber ganz geil so.


 
  Nächste Seite
Online for 1000 days
Last update: 16.03.20 21:04
status
You're not logged in ... login
menu
search
 
calendar
April 2020
MoDiMiDoFrSaSo
12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930
März